Musikalische Interventionen im Jugendgefängnis


Wer als Erwachsener Musik machen möchte, hätte mit musikalischer Früherziehung anfangen müssen? Überhaupt nicht! Jeder Augenblick ist der Richtige, um mit dem Musikmachen zu beginnen. Und jeder Ort: Denn selbst, wer sich vorübergehend im Jugendgefängnis befindet, kann seine Liebe zur Musik ausleben oder neu entdecken.
Wichtig ist allein, anzufangen. Das ahnte wohl auch Fritz Sperle, damals Gefängnis-Seelsorger der Jugendvollzugsanstalt Adelsheim: Er liess nicht locker, bis das Landesjugendorchester Baden-Württemberg 2010 unter der Leitung von Anna-Sophie Brüning im Gefängnis ein Sinfonie-Konzert gab. Die Konzerteindrücke und der Austausch der Jugendlichen aus scheinbar Lichtjahre entfernten Lebenswelten liessen die JVA Adelsheim im Winter 2011 gemeinsam mit Anna-Sophie Brüning als musikalischer Leiterin und Paula Fünfeck als Regisseurin und Autorin den Sprung ins kalte Wasser wagen: eine Barockoper mit den Häftlingen als Sängern und Schauspielern und dem LJO als Orchester.
Das war der Auftakt zu einem aufsehenerregenden Musikprojekt.
Seitdem interveniert die Musik jedes Jahr mehrmals in der JVA Adelsheim. Es wurden zahlreiche Opern-und Konzertprojekte realisiert. Justizminister überrascht, Vollzugsbeamte zu Tränen gerührt, Kulturpreise gewonnen, Häftlinge auf Aufnahmeprüfungen vorbereitet, in Chöre und zu Gesangslehrern vermittelt und „Freigänge" in den großen Saal der Liederhalle Stuttgart, nach Berlin und ins Theater Baden-Baden glücklich und ohne Flucht überstanden.
Neben dem Landesjugendorchester besteht seit 2015 auch eine enge Kooperation mit der Musikschule Möckmühl. Regelmässig kommen junge Sängerinnen aus der Klasse von Regine Böhm zu Produktionen oder Konzerten hinzu und ermöglichen so, den reinen Männerchor in einen vierstimmigen Chor umzuwandeln.
Seit 2017 gibt es neben musikalischen Interventionen auch zeitgenössischem Tanz in der JVA und seit Januar 2018 neben intensiven Arbeitsphasen auch wöchentliche Chor-Proben sowie Einzelunterricht in Gesang, Gitarre, Geige, Klavier und zeitgenössischem Tanz.
Möglich gemacht wird das Projekt durch die Leiterinnen der JVA
Adelsheim, Katja Fritsche, Maida Dietlein, Dr. Natalia Sterz und
in vielfacher Weise unterstützt durch feste und ehrenamtliche
Mitarbeiter der JVA: Klaus Brauch-Dylla, Irmtraud Friedlein,
Klaus Müller-Blask, Linda Ullrich, Anna Porrmann,
Janine Mühlbeyer, Ralf Zilling und vielen anderen, ohne die das Projekt nicht möglich wäre.


2018 / 2019 sind folgende Projekte geplant:

MAMA ante portas,
Gefangen in einer Revue


MUTTER – Ursprung und Schicksal, Ort tiefer Sehnsucht nach Geborgenheit, Symbol des Lebens. Gelegentlich aber auch anstrengend, angsterregend, unentrinnbar, verführerisch. Sie tröstet wie die Königin der Nacht ("O zittre nicht, mein lieber Sohn! Du bist ja schuldlos, weise, fromm"), schickt Hänsel und Gretel in den Wald oder tötet als Medea aus Rache ihre eigenen Kinder. Wir leben auf Mutter Erde, sprechen eine Muttersprache und kehren in der Not zum Mutterschiff zurück. Stiefmutter, Schwiegermutter, Großmutter, Leihmutter,... Egal, was schief läuft im Leben - wir werden unsere Mutter nicht los. In der Musik begegnet man der Mutter zu allen Zeiten und in allen Stilen: Von Monteverdi´s Marienvesper bis zu ABBA´s Mamma Mia, sie begegnet uns in zahlreichen Opern, Kinderliedern, in Jazz, Pop und Rap.
In MAMA ANTE PORTAS geht es um ein nicht unproblematisches Wiedersehen. Der bevorstehende Besuch der Mütter am Muttertag versetzt eine Gruppe jugendlicher Häftlinge in Aufregung – was tun, damit sie sich wohlfühlen? Eine Überraschung muss her. Eine richtig gute Überraschung. Stolz sollen sie sein! Die werden Augen machen! Auf der Suche nach einer Idee für das Wiedersehen fängt einer der Jungs an zu singen... Der Beginn einer ganz besonderen (Mut-) Probe...


2018 besteht das Team aus:
Anna-Sophie Brüning, Hannover
Dirigentin, Einzelunterricht, Chor-und Gesamtleitung
Lina Höhne, Mühlacker
Choreographin, zeitgenössischer Tanz
Regine Böhm, Möckmühl
Sängerin und Gesangspädagogin
Annika Oser, Augsburg
Oboistin, Einzelcoaching, Musiktheorie, Managment
Stephanie Schiller, Hamburg
Autorin (Text/Film/Foto/Dokumentation) und Musikerin (Instrumentalunterricht)