Apollo18!

Ein Projekt für kulturelle und soziale Erziehung in Jugendgefängnissen durch das Erarbeiten und Aufführen klassischer Musiktheaterwerke in Kooperation mit dem Landesjugendorchester (LJO) Baden-Württemberg auf Initiative und unter der Leitung der Dirigentin Anna-Sophie Brüning und der Sängerin, Autorin und Regisseurin Paula Fünfeck.

 

Für jugendliche Strafgefangene ist die Teilnahme an einer Opernproduktion ein kultureller Bungee-Sprung, so etwas wie eine Mondlandung. Die Projekte konfrontieren die Jugendlichen mit einem Komplex größtmöglicher Fremdartigkeiten und Überforderungen und verlangen ihnen viel Mut ab.

Die Projekte bringen die Teilnehmer zu sich selbst, indem sie sie zunächst radikal von sich selbst ablenken. Es werden keine Stücke erarbeitet, die ihre eigene problematische Jugend abbilden und ihnen damit Gelegenheit geben, es sich in ihren bekannten ästhetischen Sichtweisen und Vorurteilen gemütlich zu machen.

 

Warum ausgerechnet Oper?

 

In der Überforderung, die eine Opernproduktion für Laien darstellt, scheint uns die besondere Chance zu liegen: Noten lesen lernen in 3 Tagen, singen, agieren, sich emotional entäußern und zugleich kontrolliert sein, das Meistern der Zeit, körperliche Fitness sowie die Koordination vielfältiger Achtsamkeiten.

Dies ist eine Mixtur, die einen Lernprozess im Zeitraffer in Gang setzen kann! Hierbei können die Strafgefangenen  Kompetenzen entwickeln, die sie im "normalen" Leben gebrauchen können, sei es in einem Bewerbungsgespräch oder in persönlichen Beziehungen.


Es geht um das Schlüsselerlebnis einer positiven gemeinschaftlichen Anstrengung, um das öffentliche Bewältigen einer komplexen Aufgabe, das Erkunden von "Neuland", die Freude und den Stolz, mit einer positiven Message auf sich aufmerksam zu machen zu können. "... die Fackel der Begeisterung am eigenen Entdecken und Gestalten zum Lodern zu bringen... Alles, was Menschen hilft, was sie einlädt, ermutigt und inspiriert, eine neue, andere Erfahrung zu machen als bisher, ist gut für das Hirn und damit gut für die Gemeinschaft" (Gerald Hüther)

 

Wie muss Oper sein, um Jugendlichen Spaß zu machen?


Die Antwort ist einfach. Sie muss für die Jugendlichen Bedeutung haben. Die Bedeutung vertieft sich stufenweise: Anfangs kommen die Teilnehmer hauptsächlich wegen erwarteter Belohnung oder wegen der puren Abwechslung, die solche Workshops für sie darstellen. Später erst, aus den Beziehungen zum Leitungsteam, den Bekanntschaften mit den Jugendlichen des Orchesters und nach und nach, oft erst während der Aufführung oder sogar danach, erschließt sich Ihnen die Bedeutung der Worte, der Musik, der Geschichten.

Es hat sich gezeigt, dass die klassische Musik bestens von den Jugendlichen angenommen wird, wenn sie über die Inhalte und den Stil der Texte Bezüge zu Ihrem Leben herstellen können. Paula Fünfeck hat für alle einstudierten Werke bis hin zu Bach´s Kantate "Herz und Mund und Tat und Leben" neue Texte geschrieben und siehe da, die Geschmäcker machen Kopfstand: Der Anstaltsleiter will endlich die "Toten Hosen" hören, die  Insassen singen lieber Monteverdi und Schubert.

Für eine Opernproduktion stellt das Gefängniss mit all seinen Werkstätten und Ausbildungsbetrieben eine ideale Infrastruktur dar: sämtliche Kulissen, Requisiten und Kostüme wurden von den Gefangenen mit Hilfe der Ausbilder selber hergestellt. Auf diese Weise können viel mehr  Gefangene zu den Produktionen beigetragen, als diejenigen die aktiv auf der Bühne stehen. Die Leiterinnen glauben an das Unmögliche und sind davon überzeugt, dass das bedingungslos entgegengebracht Urvertrauen in jeden Teilnehmer von entscheidender Bedeutung für den Erfolg ist. Es gibt keine "Auditions"! Die Sänger, Schauspieler, Kulissenbauer, Kostümbildner, Beleuchter finden selber im Laufe der ersten 2 Tage die Aufgabe, die am besten zu ihnen passt.

Die Projekte haben straffe Vorgaben, die genau erfüllt werden müssen. Es gibt keine Improvisationen, keinen eigenen Wortlaut; die Häftlinge müssen Musik und Texte wort- und notengetreu lernen und wiedergeben. Doch am Ende jeder Aufführung performen Häftlinge auf eigenen Wunsch hin etwas Eigenes, das sie ohne Hilfe der Leiterinnen gemeinsam mit den Musikern des LJO einstudieren.

 

Es ist keineswegs so, dass nur die Häftlinge die Projekte als bereichernd empfinden; auch bei den Musikern des LJO sind sie sehr beliebt.
Was ist ihre Motivation neben der rein musikalischen, immer wieder mit dabei sein zu wollen? Unsere Vermutung: Jeder Künstler, wahrscheinlich jeder Mensch sehnt sich danach, wirksam zu sein  und das gesellschaftliche Leben substanziell zu bereichern. Auch als Spitzenkünstler kann man leicht das Gefühl haben, zum bloßen Unterhalter, wenn auch auf höchstem Niveau, zu werden. Diese Jugendlichen, die sich gut auskennen mit Effekten des Erfolges, erleben in der JVA einen wesentlichen Unterschied: Sie erleben unmittelbarer und stärker, dass sie wirksam sind, dass ihr Engagement Leben verändern kann, und dies ist ein sehr starkes Gefühl und verschafft eine Befriedigung, die bloßen Erfolg übertreffen kann.

 

Aus den Workshops haben sich zahlreiche Brieffreundschaften zwischen Gefangenen und Musikern des LJO ergeben, nach Haftentlassung bleiben die Kontakte häufig bestehen.

 

Neben allem pädagogischen Wert für die Teilnehmer, streben wir einen konkreten Erkenntnisgewinn an auf einem Gebiet, das noch Neuland ist. Es gibt Theater- und Tanzprojekte mit Laien und Projekte auf dem Gebiet der bildenden Kunst; die Oper jedoch hat den Schritt der Beteiligung sozialer Randgruppen noch nicht gemacht. Wir sind der Überzeugung, dass die Oper ein geeignetes Instrument ist, emotionale Kehrtwenden und Aufbrüche anzuregen und halten dies für ihren wahren und unschätzbaren Wert. Wir arbeiten mit den Jugendlichen nicht anders oder weniger professionell, als wir es am Theater machen. Und die Jugendlichen beobachten unser Tun mit genauso viel kritischer Aufmerksamkeit wie Arbeitskollegen dies in professionellen Zusammenhängen tun. Wenn einer entlassen wird, sind wir traurig, obwohl es ein Grund zur Freude ist.

Einmal sagen wir Ihnen im Gehen: "Wenn wir so Gott will wiederkommen..." und einer von Ihnen fällt uns ins Wort und sagt:" Gott will auf jeden Fall." Die Tempel der "Hochkultur" sind allzuoft von gläsernen Mauern umgeben. Die unauslöschliche Erfahrung, die wir in Adelsheim gewonnen haben ist: Für die einen ist das Beste gerade gut genug. Für die anderen erst recht.


Paula Fünfeck & Anna-Sophie Brüning